Ein Quantum Trotz

Der Demokratie eine Bühne, dem Virus keine Welt!

Programm-Plakat Ein Quantum Trotz

Die Pandemie wirkt auf alle Bereiche der Gesellschaft krisenverstärkend und macht, bisher verschleierte, gesellschaftliche Widersprüche, kenntlich. Sie bricht verkrustete Denkmuster und Verhaltensweisen auf und öffnet neuen Technologien die Tür. Etliche Fragen über Ethik und Moral, über den Wandel der Arbeitswelt und das gesellschaftliche Miteinander werden laut. Aber auch die Rolle des Menschen und seiner Verantwortung gegenüber sich selbst, seiner Umwelt und der Natur im Hinblick auf zukünftige Generationen wird in dieser pandemischen Zeit neu verhandelt. Wie in einem Brennglas erkennen wir im Moment die sich vertiefenden Gräben, die unsere Gesellschaft weiter spalten. Wir erschrecken über die Unversöhnlichkeit verschiedener Lager und beklagen die Angst als Motor der Zeit. Der sich weiter verschärfende Ton innergesellschaftlicher Auseinandersetzungen vermindert die Bereitschaft zur Solidarität und verhindert, die durch Kontaktverbote und Ausgangsbeschränkungen ohnehin eingeschränkte Kommunikation.

Albert Camus schrieb in seinem 1947 erschienen Roman „Die Pest“: „Sie stellten sich frei vor, und niemand wird jemals frei sein, solange es Pestilenzen gibt."
Hier weist der weltberühmte Autor auf die Problematik hin, die uns seit dem Auftreten des Corona-Virus und dem Beginn der Covid 19 – Pandemie beschäftigt und das Leben und Arbeiten von uns Bühnenkünstlern so stark beeinträchtigt: Welche Rolle kann die Kunst in einer Ausnahmesituation globalen Ausmaßes noch spielen und welche Verantwortung hat sie, demokratische Werte in Zeiten von Sonder- und Notverordnungen, sowie eingeschränkter Grundrechte, im Bewusstsein der Menschen lebendig zu halten.

Viele Menschen wollen heute einen Wandel ohne Veränderung, sie behaupten eine Bewegung im Stillstand meinen mit den Wahrheiten von gestern ein neues Morgen gestalten zu können. Viele übersehen nur allzu gern ihren Anteil am desaströsen Zustand der Welt. Ideologien, Halbwahrheiten, Gerüchte und auch faustdicke Lügen geben sich ein Stelldichein und vergiften zunehmend den demokratischen Diskurs. Das Spannungsfeld zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sorgt für weiteren Zündstoff in einer ohnehin durch Todesraten, Infektionszahlen und Maßnahmenkataloge aufgeheizten Atmosphäre. Legitimationsprobleme staatlicher Institutionen und politischer Organisationen in einer global vernetzten und wirtschaftlich eng verkoppelten Weltgemeinschaft wecken bei vielen die Sehnsucht nach einfachen Antworten auf überkomplexe Fragen...

Welchen Beitrag kann hier die Kunst, speziell die Darstellende, zur Ermutigung, Aufklärung und zur Ertüchtigung demokratischer Haltung leisten und wie schaffen wir Künstler es mit unserer Arbeit, eine fantastische Plattform, einen geschützten Raum zu bieten, offen für das Aushandeln gesellschaftlicher Fragen?

Unsere Herangehensweise, auf die neue, veränderte Situation zu reagieren und sie künstlerisch zu bewältigen, bestand und besteht weiterhin im Sammeln der verschiedensten Fakten und Meinungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Problematiken. Diese Informationen einer offenen, kritischen Diskussion zu unterziehen, Perspektiven zu erörtern, aber auch den Gebrauch neuer, künstlerischer Mittel zu erproben.

In Zeiten eines gravierenden, gesellschaftlichen Wandels ist, wie es schon Bertolt Brecht in seiner Theorie des epischen Theaters bewies, eine dialektische Sicht auf die Geschehnisse und der Versuch ihrer objektiv-realistischen Einordnung die Grundlage einer künstlerischen Annäherung. Das hieß für uns konkret, dass wir unsere Arbeit auf ein neues theoretisches Fundament stellen mussten. Durch das Gewicht einer fundierten Grundlage war es uns wieder möglich, eine spielerische Leichtigkeit zu erreichen, ohne den Verdacht der Oberflächlichkeit im Umgang mit den verschiedenen aktuellen Problematiken zu erwecken. Diese Grundlage ist jedoch, was wir als einen großen Vorzug erleben, keinesfalls ideologisch determiniert, sondern erweist sich als kreative Erlebniswelt, gerahmt von den Werten eines humanistisch-aufgeklärten Weltbildes. Von der Bühne werden also (auch komische) Fragen formuliert und keine Zeigefinger-Erkenntnisse abgespult. Das Publikum hat so keine Möglichkeit, das Bühnengeschehen als unterhaltende Dienstleistung von Künstler-Objekten passiv zu „verkonsumieren“, sondern avanciert zum denkend-entdeckenden Mitproduzenten des exklusiven Programms. Brecht nannte derartige Vorgänge „eingreifendes Denken“.

Der daraus erzielte Aha-Effekt kann auf den Zuschauer ermutigend und animierend wirken und zur Versachlichung mancher Argumentation beitragen. Indem wir uns als Künstler emanzipieren vom dienstleistenden Unterhalter zum impulsgebenden Gesprächspartner, schaffen wir ein neues Gefühl für den respektvollen Umgang und die Achtung der Würde des Anderen.

Selbstredend befinden wir uns hier erst am Anfang eines längeren Prozesses, bei dem ständig, durch sich verändernde Situationen und die politisch-gesellschaftliche Tagesaktualität, neue Fragestellungen aufgeworfen werden, auf die wir künstlerische Antworten finden müssen.

In Summe lässt sich feststellen, dass uns durch die Unterstützung des Fonds Darstellende Künste die Möglichkeit eingeräumt wurde, künstlerische Vorgänge und kreative Absichten in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels neu zu denken und uns, auch in der digitalen Übersetzung unserer Arbeit, zukunftsfähiger und künstlerisch resilienter aufzustellen. Dafür möchten wir uns ganz herzlich bedanken.